Ein Licht, das nur für sich selbst leuchtet, ist Finsternis.


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Das weiße Taschentuch

 

Das Zeitungsblatt

(Eine Geschichte von B. Brecht gekürzt und erzählt von HUM)

 

Im Jahr 1908 kam Anfang November ein Einwanderer nach Chicago. Was er vorfand, war sehr unbefriedigend: In seinem Beruf gab es keine Chancen, die angebotenen Unterkünfte waren zu teuer, und es sollte ein besonders kalter Winter werden. Gemeinsam mit anderen Arbeitrslosen fand er abends nach erfolgloser Arbeitssuche einen Platz in einem der überfüllten Lokale im Schlachthofviertel. Dort saßen sie solange es ging, bei einem Glas Whisky, genossen die Wärme, den Lärm und die Kameraden – das war alles an Hoffnung, was es für die Männer gab.

Auch am Weihnachtsabend fanden sich viele ein, doch die Stimmung war gedrückter als sonst. Erst als drei Burschen hereinkamen und sämtliche Gäste zu ein paar Extragläsern einluden, schien die Stimmung sich zu ändern, jedoch nur für kurze Zeit. Dann machte sich das Gefühl bei den Arbeitslosen breit, wie erniedrigend es doch ist, sich beschenken lassen zu müssen. Und plötzlich entwickelte sich die Idee einer Weihnachtsbescherung – allerdings mit recht makabren Geschenken, da es an anderen mangelte. Der Wirt bekam einen Kessel geschmolzenen Schnees, um seinen ohnehin billigen Whisky zu verdünnen und einem zum Laden gehörenden Mädchen wurde ein altes Taschenmesser überreicht, damit es seine alten Puderschichten abkratzen konnte. Ein Gast, der immer sehr zurückhaltend und gleichgültig wirkte, jedoch eine unüberwindliche Scheu vor allem hatte, was mit der Polizei zu tun hatte, bekam aus dem Telefonbuch drei Seiten mit den Adressen der Polizeiwachen. Eingeschlagen wurde das Ganze in ein altes Zeitungsblatt. Der Mann schaute unsicher drein, öffnete jedoch rasch das kleine Bündel. Doch statt den Inhalt anzuschauen, blieb sein Blick auf dem Zeitungsblatt haften. Sein Körper schien zu beben, so intensiv las er. Und dann hob er den Blick mit einem Strahlen in den Augen, wie es kaum zu beschreiben ist. Mit einer mühsam ruhigen Stimme teilte er den Umstehenden mit, dass es jedermann in Ohio wüsste, dass er mit der ganzen Sache nichts zu tun hatte.

Und dann lachte er ein Lachen, das so befreiend und ansteckend wirkte, dass alle einstimmten. Als wieder Ruhe herrschte, erklärte er die Angelegenheit in kurzen Worten: Er war beschuldigt worden, doch nun sei der Fall geklärt und er rehabilitiert.

Jetzt nahm die Veranstaltung einen ganz neuen Verlauf. Die Bitterkeit war vergessen, und es wurde ein Weihnachtsfest, das bis zum Morgen dauerte und alle Anwesenden zutiefst zufrieden sein ließ. Manch einem der Gäste kam wohl der Gedanke, dass das Zeitungsblatt gar nicht von ihnen ausgesucht worden war, sondern dass da eine „höhere Instanz“ seine Hand im Spiel hatte.

 

 

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