"Wenn einer zu dir kommt und von dir Hilfe fordert, so ist es nicht an dir, ihm mit frommem Munde zu empfehlen: Habe Vertrauen und wirf deine Not auf Gott. Sondern dann sollst du handeln, als wäre kein Gott, sondern auf der ganzen Welt nur einer, der diesem Menschen helfen kann du allein."


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Drive alive - Überlebe die Fahrt

Lüneburg. „Come in and find out“ – mit diesem Slogan wollte der Parfümhändler Douglas lange Zeit Käufer in seine Läden locken. Doch ein Großteil der Kundschaft verstand‘s eher als Rausschmiss: „Kommen Sie rein und finden Sie wieder raus“, übersetzten viele. Douglas hat sein englisches Motto mittlerweile ausgewechselt gegen den deutschen Spruch „Douglas macht das Leben schöner“. Wohl auch deshalb, weil Untersuchungen gezeigt haben, dass 60% der Deutschen überhaupt kein Englisch verstehen. Und von den restlichen 40% sind auch viele mit dem Verständnis von englischen Werbebotschaften – auch Claims genannt – überfordert.

„Powered by emotion“ (Sat.1) wurde bei einem Verbrauchertest mit über tausend 14- bis 49-Jährigen oft mit „Gepudert von Gefühl“ oder gar „Kraft durch Freude“ übersetzt. Die Fernsehmacher waren entsetzt, änderten fix in „Sat.1 zeigt‘s allen“. „Drive alive“ (Mitsubi­shi) stieß ebenfalls auf Ratlosigkeit. Überforderte Test-Kunden übersetzten: „Überlebe die Fahrt.“ Jetzt fährt Mitsubishi „Heute. Morgen. Übermorgen“.
Trotz der Erkenntnis, dass „Denglisch“ eher eine Verkaufsbremse ist, halten viele Firmen hartnäckig daran fest:

Die gute alte deutsche Bahn bietet heute die City Night Line (einst Nachtzug), Kiss & Ride-Zonen (soll ich da küssen und zugleich reiten?) und Surf & Travel (Reisen nur für Wellenreiter?) an. Mehr darüber erfährt man nicht mehr bei der Auskunft, sondern am Service Point.

Die deutsche Telekom wirbt im Meeting Point und Online-Shop für City Call (früher Ortsgespräch), Call & Surf Comfort Plus, NaviGate-Flatrate (für Seeleute?), T-Mobile-Surf – und speziell für alte Menschen gibt es das Angebot E-Health@Home (hat der Namensgeber seine Oma schon mal gefragt, wie sie das findet?). Wer auf dem Hamburg Airport, früher ein Flughafen, die Event-Locations (laut Anzeige sowohl für corporate als auch public Events) finden will, sollte ein Wörterbuch im Reisegepäck haben.

Auch in Lüneburg lassen sich mühelos Anglizismen finden. Vom Phone-House (ist es da besonders laut?) über Coming Home (soll ich lieber nach Hause kommen, statt dort einzukaufen?) und kids sale inside (werden drinnen Kinder verkauft?) bis zum unvermeidlichen Coffee to go (Kaffee, um gehen zu können?). Und dass eine Firma Fußmatten der Gift-Company anbietet, könnte umweltbewusste Kunden durchaus beunruhigen. Eine Gärtnerei der Region lud in der Zeitung zur Christmas-Preview ein. Nach Leserbrief-Protest änderte man den Anzeigentext flugs in „Zeit für Advent“.

Es regt sich zunehmend Unmut über den Englisch-Wahn. So hat sich eine Politikergruppe um Ex-CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer zum Widerstand formiert. Meyer beklagt, dass die Mehrheit der Bevölkerung englische Begriffe nicht verstehe – vor allem ältere Menschen, die nie eine Fremdsprache gelernt haben, türkische und arabische Einwanderer, oder auch Ostdeutsche, die in der Schule zwar Russisch, aber kein Englisch gelernt haben. Meyer fordert: „Es muss im Alltag wieder selbstverständlich werden, dass man sich als Verbraucher in Deutschland ausschließlich mit dem Beherrschen der deutschen Sprache zurechtfindet.“ Dabei solle die Bundesregierung Vorbild sein und bei Gesetzestexten, Veröffentlichungen etc. auf Anglizismen verzichten, z. B. auf den Girls‘ Day. Auch bei Bahn und Telekom, wo der Bund beteiligt ist, will man auf mehr Deutsch dringen.

Allerdings warnen Germanisten wie Professor Rudi Keller von der Uni Düsseldorf vor übertriebener Sprachreinigung: „Das ist ein ganz normaler Sprachwandel. Neue Wörter dringen in die Sprache ein, werden übernommen oder fallen später wieder raus. Darunter leidet die deutsche Sprache nicht.“ Schließlich kommt heute keiner mehr auf die Idee, englische Begriffe wie Shampoo, Chips und Pullover durch Haarwaschmittel, geröstete Kartoffelscheiben und Überzieher zu ersetzen. Auch CD-Player, Scanner, Internet, Boxer-Shorts, Ketchup, Toast, Jeans, Hamburger, Interview, Design, Online-Shop, googeln, Laptop sind längst in den Sprachgebrauch übernommen, weil sie kurz und knapp ausdrücken, was gemeint ist. Oft kürzer, als das im Deutschen möglich ist. Oder findet jemand eine „lässige blaue Nietenhose aus Baumwollstoff“ bequemer als eine Jeans?

Es gibt allerdings auch genügend Beispiele, die einfach ärgerlich sind. Besonders schlimm ist es im beruflichen Bereich. Da plustert sich der ehemalige Personalchef jetzt zum Human Resource Manager auf. Da darf sich der einfache Einkäufer mit stolzgeschwellter Brust Purchasing Manager nennen. Da möchte der Großkundenbetreuer als Key Accounter noch mehr Eindruck schinden bei der Customer Relationship (früher Kundenbetreuung). Da ist der Chief Executive Officer (CEO) nicht etwa der befehlshabende Offizier bei einer Exekution, sondern einfach der einstige Geschäftsführer oder Vorstand. Und Global Player möchten sie allesamt sein. Man will Weltläufigkeit demonstrieren. Die Stellenanzeigen in den Zeitungen strotzen nur so vor diesem Imponiergehabe.

Und da wir gerade bei Zeitungen sind. Wir müssen zerknirscht bekennen, dass auch die Lünepost nicht frei von An­glizismen ist. Immer wieder berichten wir von Events und Highlights, vom Shopping und Casting, wir zeigen Lifestyle und Party-Pixx (auch online). Und wir kündigen Partys in der Disco an – das finden wir allerdings auch weiterhin cooler als Tanzvergnügen in der Musikgastwirtschaft. Sorry!

 

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