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Gebete und Beten

 

Wenn ich im folgenden das Wort GOTT benutze, so deshalb, weil es aus unserem Kulturkreis und unserem Sprachgebrauch stammt. Jeder mag seinen Begriff statt dessen denken. Ob wir Allah, Jesus, Mutter, Jehova, Vater oder alles durchdringendes Sein sagen oder denken ist letztlich egal, denn es ist gleich, wie wir ES nennen. ES hört auf alle Namen in jeder Sprache.
Jahrzehntelang war ich der Meinung, dass ich nicht bete, schließlich war ich doch gleich mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten und hatte mit GOTT nichts zu tun. Ich leugnete sogar seine Existenz, keiner hatte ihn je gesehen. Dennoch stritt ich oft mit ihm, beschwerte mich, dass so viel Schlimmes auf der Welt geschah, schimpfte, wenn mir Negatives widerfuhr. Dennoch gab es ihn für mich nicht. Gut, es gab da etwas, das eine höhere Intelligenz zu sein schien – wie sollte sonst ein kleiner Kern wissen, dass er im Gegensatz zu einem anderen kleinen Kern gerade ein Birnbaum werden sollte. Also galt für mich die Natur als höhere „Instanz“, das war neutral, das war keine „Person“, damit konnte ich gut leben.

Und so richtete ich mir mein Leben ein, aber es war ein unruhiges Leben, denn ohne es wirklich wahr-zu-nehmen, befand ich mich auf der Suche. Viele Gruppen, Vereine, Organisationsformen lernte ich kennen. Auch besuchte und hinterfragte ich unterschiedliche religiöse Gruppen, aber immer mit dem gleichen Ergebnis: Nichts für mich! Überall sah ich menschliche Schwächen oder mächtige Hierarchien. Also blieb ich bei meiner Natur! Hatte ich Sorgen, unternahm ich einen Spaziergang, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Plagte mich ein spezieller Kummer, setzte ich mich mit dem Rücken an einen Baum und spürte, wie ich Kraft und Zuversicht erhielt. Schäumte ich förmlich über vor Freude und Glücksgefühl, radelte ich durch Wiesen und Felder, ließ die gesamte Schöpfung an meiner Freude teilhaben, damit ich nicht vor „Überschuss“ platzen würde. Aber mit GOTT und mit Beten hatte das alles natürlich nichts zu tun! (dachte ich zumindest damals)

Eines Tages war ich dann „reif“ für die Begegnung mit einem für mich neuen Kulturkreis – Indien. Hier schien mir mehr Herz und Wärme zu sein, und in den Folgejahren gelang es mir, mehr und mehr den Weg zu meinem Herzen zu finden und mir dessen sogar be-wusst zu werden. Ich führte innere Gespräche, traute mich sogar, diese Ebene als GOTT zu bezeichnen und merkte kaum, wie ich ganz selbstverständlich offen für etwas wurde, das man wohl als Gebet bezeichnen kann.

Bei meinem Bemühen um positives Denken und Sprechen (er)fand ich sogar eigene Gebete und bezog auch „standardisierte“ Gebete in meine Umformulierungsaktion mit ein. So ist es für mich nur eine logische Fortsetzung meines Weges, dass ich genau über dieses Thema schreibe. In den letzten Jahren habe ich mich damit recht intensiv auseinandergesetzt, habe interessante Impulse durch Bücher (z.B. Tich Nath Hanh) und Vorträge (z.B. Almut Kowalski und Horst Zinke). bekommen

Wenn ich definieren möchte, was ich unter GEBET verstehe, so bemerke ich, dass es leichter für mich ist zu sagen, was Gebete nicht sind. Gegen vorgeschriebene Formen und vorgegebne Normen habe ich schon immer rebelliert, vor allem, wenn deren Sinn nicht einmal erklärt wurde. Und wenn dann noch jemand daherkam und mir sagen wollte, was ich wann mit welchen Worten zu GOTT zu sagen habe, dann war ich nur noch „zu“. Niemand und nichts hatte das Recht, sich zwischen GOTT und mich zu stellen. Irgendwie hatte ich als Kind ganz intuitiv eine Kommunikationsform gefunden, die ich mir über all die Jahre meiner Suche wohl bewahrt hatte. Ich wusste einfach, ich brauche keine Kirche, keine festen Zeiten und keine festgelegten Worte. GOTT ist zu jeder Zeit an jedem Ort und ich stehe damit in Verbindung, selbst wenn ich kein einziges Wort über die Lippen bringe.

Das wichtigste Gebet bestand und besteht für mich aus nur einem einzigen Wort: DANKE! Wenn dieses Gefühl mich durchströmt und tief aus dem Innern dieses Wort seinen Weg findet, bin ich und bin ich glücklich. Es ist das Bewusstsein oder eher das Spüren, dass die Fülle, dass GOTT, dass das Sein in mir, um mich und durch mich wirkt. Worum sollte ich bitten, da doch alles zu jeder Zeit im richtigen Maß vorhanden ist? Aus dieser Gewissheit bleibt mir nur, dem Schöpfer zu danken mit meinem kleinen Lied:

 

Wohlstand und Freude, sie sind immer da,

Wohlstand und Freude, sie sind mir so nah,

Wohlstand und Freude begleiten mich -

Herr, ich bedanke mich!

 

Wenn ich beten verstehe als eine Bitte um etwas, so drücke ich damit einen Mangel aus. Mir fehlt etwas, um das ich bitte. Ich will etwas haben Also muss es jemanden oder etwas geben, das in der Lage ist, meine Bitte zu erfüllen, mein Empfinden des Mangels zu beheben. Aber damit bringe ich mich in Abhängigkeit. Ich mache mich klein, unmündig und hilflos, ich gebe diesem „Etwas“ Macht über mich. „Es“ hat die Macht, es mir zu geben – oder es mir zu verweigern.

Wie kann ich klein und unmündig sein, wenn ich ein göttliches Wesen bin – nach seinem Bilde geschaffen? Und wie kann andererseits GOTT etwas verweigern, da er Liebe ist. Er ist Geben, Er ist Verströmen. Aber mein Denken geht noch allzu oft um's Nehmen: Ich nehme mir Urlaub, ich nehme mir eine Wohnung, ich nehme mir das Recht, ich nehme den Bus, ich nehme mir die Freiheit, ich nehme Unterricht, ich nehme und nehme und werde darüber müde. Dann ge-nehmige ich mir eine Pause oder den wohlverdienten Schlaf. Womit habe ich ihn mir ver-dient, da ich doch nur genommen, nicht aber gedient habe? Oft kann ich nicht einschlafen, da ich nicht mehr in der Lage bin, mich zu geben – nämlich mich dem Schlaf hinzugeben. Erst ein Mittel gibt dem Schlaf dann eine Möglichkeit, mich in seine Obhut zu nehmen.

So sehe ich denn auch im Gebet eher ein GEBEN.als ein Bitten. Wenn ich die erste Silbe bei „Gebet“ betone, (GE-bet) so liegt darin die Aufforderung zum Geben, und ich gebe GOTT meinen Dank. Ich gebe ihm den dankbaren Stoßseufzer aus meines Herzens Tiefe. Im Herzen findet mein intimes Beisammensein, die Zwiesprache, die wortlose Kommunikation mit GOTT statt. Hier kann ich mich verschenken, hier kann ich GOTT Gehör schenken. Hier kann ich hören, was Er zu sagen hat, hier kann ich Ihm geben, was ich zu sagen habe. So bin ich im Prozess des Fließens, des Eins-Seins. Zunächst mag dieses Fließen noch vergraben sein unter Schichten von Ansprüchen und Bedenken. Doch wenn es mir gelingt, diesen schweren Rucksack voller Vorstellungen und alter Muster abzusetzen, um frei und leicht meinen Weg fortzusetzen, öffnet sich ein Tor. Dann brechen Kraft, Mut und Zuversicht als Quelle auf, vielleicht zunächst zögerlich als kleines Rinnsal – doch das Rinnsal enthält bereits dieselbe Substanz wie später der breite Strom genialer Inspiration und schöpferischer Kraft.

Sollte der Strom je zu versiegen drohen, werde ich er-gründen, welche Vorstellungen sich zwischen mich und mein schöpferisches Wesen gestellt haben. Wenn ich beim Beten auf starre Formen, auf Planung und mentale Manipulation verzichte, erscheinen unerwartete Möglichkeiten wie von selbst und entfalten und erweitern sich auf geheimnisvolle, geniale Art und Weise. Wichtig scheint mir dabei zu sein, dass ich in meinem Denken frei, offen und weit bleibe.

Wie oft bat ich um etwas, fügte aber auch gleich meine Vorstellung bei, wie diese Bitte zu erfüllen sei. Da ich in dem Moment sicher nicht über genügend Weitsicht verfügte, welche Vielfalt von Möglichkeiten das Universum bereithielt, legte ich dem „lieben Gott“ gewissermaßen Handschellen an, meiner Bitte in Seinem Sinne zu entsprechen.

Wenn ich mich also dabei ertappe, GOTT wieder einmal Vorschriften gemacht zu haben, dann füge ich eine Formulierung hinzu, die die Fülle göttlichen Seins zulässt, z.B. „Es möge so oder besser geschehen.“ oder „Es möge in Deinem Sinne geschehen.“ oder auch „Es möge zu meinem Besten und zum Wohle aller geschehen.“

Meist gelingt es mir aber inzwischen wirklich schon, beim Beten voller Achtsamkeit zu sein. Dann bleibe ich im Danken. Wichtig ist mir, dass ich mir bewusst bin, dass die göttliche Fülle mich immer umgibt. Ich visualisiere gewissermaßen den „Wunsch“-Zustand als gegebene Tatsache und bedanke mich dafür. Da das sehr theoretisch klingt, erkläre ich es an einem Beispiel:

 

Geliebte göttliche Mutter, geliebter göttlicher Vater,

ich danke Dir, dass Du für mich sorgst.

 

(Nein! GOTT sorgt sich nicht, er kennt nur Glückseligkeit, lebt in absoluter Vollendung. Dem gilt es auch in meinen Formulierungen Rechnung zu tragen.)

 

Geliebte göttliche Mutter, geliebter göttlicher Vater,

ich weiß mich in Deiner Obhut geborgen.

Dafür danke ich Dir.

 

Manchmal bin ich auch einfach nur „sprachlos“ vor Glück oder Freude, vollkommen offen in dem Gefühl von Weite, Ausdehnung, All-Eins-Sein. Dann breiten sich die Arme aus, der Brustraum dehnt sich, und die Luft, die mich ja mit allem Sein verbindet, strömt tief in mich hinein und lässt das Herz weit werden. Auch das ist für mich Beten.

Hier fällt mir auf, dass ich unterscheide zwischen „Gebet“ und „Beten“. Gebet ist das, was man mich als Kind gelehrt hat. Es sind Worte, die ich spreche, weil ich sie so gelernt habe. Oft genug habe ich sie gesprochen in der Überzeugung, dass sie mir helfen. Oft genug habe ich sie aber auch gesprochen ohne innere Anteilnahme. Dann waren es leere Worthülsen ohne die Wärme des Herzens formuliert, also eine Sinn-leere Form. Diese „Gefahr“ sehe ich bei vielen starren, vorgegebenen Gebeten – ich spreche ein Gebet. Selbst bei innerlich tief empfundener Religiosität fühlen manche Menschen sich durch vorgegebene Gebete zu sehr eingeengt, der direkte „Draht“ zu GOTT ist für sie nicht spürbar. Wenn ich jedoch bereit bin, angemessene Worten zu finden, bin ich innerlich beteiligt, bin ich aktiv im Handeln, dann gebe ich. Selbst wenn ich gar nicht bete, sondern mich nur stumm-staunend in die Natur einfühle, bin ich GOTT oft viel näher als im gedachten oder gesprochenen Gebet. Dazu mag die folgende Empfindung eines Naturerlebnisses einen Eindruck vermitteln. Hier spricht das Herz, ein Herz voller Ehrfurcht der Schöpfung gegenüber. Ich glaube, das menschliche Herz ist geschaffen zum ewigen, allumfassenden Loben, Preisen und Rühmen der göttlichen Schöpfung.

 

Sommerwiese

Die Wiesen, die den Straßenrand säumen, bieten eine Augenweide mit ihren wogenden Gräsern, die ihre blühenden Rispen, auf hohen Halmen schwankend, der Sonne darbieten. Dazwischen breiten sich weite Teppiche von Margeriten aus, unterbrochen von den kräftigen roten Tupfern der Mohnblumen, die der sanfte Sommerwind auf ihren grazilen Stängeln zittern lässt. Die zarten, beinahe durchscheinenden Blütenblätter werden vom Hauch des Windes immer wieder zerknittert und glattgestrichen, ohne dabei auch nur das Geringste ihrer strahlenden Schönheit einzubüßen. Wie Feuerzungen tanzen sie sonnendurchglüht im weißen Margeritenmeer, begleitet von den anmutig sich wiegenden Kornblumen, die mit ihren Blüten wie leuchtend blaue Sterne funkeln. Ab und an wogen dazwischen einige versprengte Gerstenhalme, ihre im Sonnenlicht silbrig glänzenden Grannen ausbreitend zu zierlichen Fächern, geführt von unsichtbarer Hand, sanft sicht wiegend im großen Sommerwiesenreigen, zu dem die im blauen Himmelsgewölbe sich tummelnden Lerchen ihr trällerndes Lied beisteuern. Zwischen Himmel und Erde gaukeln farbenfrohe Falter in unstetem Flug, sich teils dem Wind anvertrauend, teils auf Blüten anmutig rastend, den süßen Nektar genießend, sich im nächsten Augenblick wieder in die Luft werfend, dem blauen Sommerhimmel entgegen. Dem andächtig-staunenden Betrachter entringt sich bei dieser göttlichen Fülle ein inniger Seufzer, der seinen Ursprung ganz tief im dankbaren Herzen hat. Worte vermag er nicht zu finden in seiner Ergriffenheit, aber er spürt sich eins mit sich, der Schöpfung, mit GOTT. Von allein finden sich seine Handflächen vor der geweiteten Brust zusammen, Zeugen eines tiefen, unausgesprochenen Gebetes zum Schöpfer aller Dinge.

Wenn in der Heiligen Schrift gefordert wird, wir sollten „allzeit beten“ oder „betet ohne Unterlass“, so dürfte klar sein, dass wir nicht ohne Unterlass Gebete sprechen können. Aber wir können durchaus ohne Unterlass beten, wenn wir im Beten die Kommunikation mit GOTT sehen. Diese wird in Momenten höchster Achtsamkeit, Sammlung oder Bewusstheit besonders intensiv sein; zu anderen Zeiten schwingt sie „nur“ latent mit. Aber immer können wir in Verbindung zu GOTT bleiben – und das ist Kommunikation. So verliert die Forderung nach „Beten ohne Unterlass“ seine Schärfe. Das mag besonders erleichternd für die Menschen sein, die sich bisher wünschten, wenigstens dann zu beten, wenn sie Gebete sprechen.

Was macht nun aus meinen Gebeten ein wirkliches Beten? Dazu fallen mir Begriffe wie Achtsamkeit, Wachsein, Sammlung, Andacht und Beschaulichkeit ein. Beim formalen Gebet finde ich mich eher in einer Aktivität, einer Anstrengung, in einem Bemühen, es ist mehr eine Technik. Die innere Sammlung, das Geschehn-lassen lässt aus meinem Gebet ein intensives Beten werden. Wenn ich durch äußere Gegebenheiten oder eigene Gedanken abgelenkt werde, zerstreut sich meine Sammlung, und die Gebete werden zu einer leeren Hülle. Beinhaltet das Beten eine innere Sammlung, eine Achtsamkeit, ein Leben aus offenem Herzen, so kann das Beten auch zu einer Haltung werden, die meine Handlungen durchdringt. Je wacher ich in meinem Alltag werde, umso größer ist die Möglichkeit, dass aus meinen Gebeten ein wahres Gebet wird, dass ich in meinen Handlungen des Alltags gesammelt bin. Vielleicht gelingt es mir zunächst, gesammelt, zu essen; voller Andacht zu gehen, meine Worte mit Bedacht zu wählen, jemanden mit meiner vollen Zuwendung zu begrüßen, den Abwasch als achtsame Handlung zu vollziehen oder die Blumen beim Gießen liebevoll zu betrachten. Als Hilfe kann mir dienen, dass ich mir vorstelle, all meine Handlungen GOTT darzubringen. Dann ist j ede Aktivität ein Beten, dann werden Beten und Leben ein Synonym.

Hier möchte ich noch eine kurze Erzählung einflechten, die ich Anfang Oktober 1995 geschrieben habe. Sie scheint mir zu zeigen, wie Leben, Andacht und Gebet zu einem verschmelzen können:

 

Oktobermorgen
Schon früh am Morgen ist der Wanderer im Wald. Tief atmet er die feuchte, süßlich-würzige Luft ein. Sie tut wohl – nicht nur den Lungen, viel mehr noch dem Geiste. Wie fern scheint doch nun der Alltag, wie unbedeutend sind all die Dinge, die ihn noch vor wenigen Augenblicken mit ihrer gespielten Wichtigkeit beschäftigen wollten.
Eine so friedvolle Stille umgibt ihn, dass er kaum wagt, diese nahezu heilige Ruhe zu stören; auch das noch nachtfeuchte Laub raschelt kaum, eher verschluckt es seinen andächtigen Schritt. Hier und da jubiliert ein Vöglein aus voller Brust sein Gebet der Sonne entgegen. Diese schickt ihre Strahlen durch den aufsteigenden Dunst hin zur Erde. Gleich milchigen Fingern durchdringen Strahlenbündel das Dunkel der Fichten, helle Flecken auf dem düsteren Waldesboden hinterlassend; durchfluten das lichtgrüne Buchenblätterdach; tauchen die Fichtenstämme in gespenstisches Rot, so dass das flinke Eichkätzchen nur durch das Rascheln seiner Krallen auf der Baumrinde auszumachen, sonst aber kaum zu entdecken ist.
Schwer, als würden sie das kunstvolle Gewebe beim nächsten Windhauch nicht nur erzittern, sondern gar zerbersten lassen, hängen die Tautropfen, edelstem Geschmeide gleich, in den Spinnennetzen. Wie tausend Diamanten in allen Regenbogenfarben wetteifern die Tröpfchen auf Gras und Moos, das Licht der Sonne brechend, eine betörende Augenweide für de andachtsvollen Betrachter – selbst eingesponnen, ja verzaubert werdend in diese Heilige Morgenstunde. 
In seinen Ohren vernimmt er nun, fern dem Alltagslärm, das Raunen seines eigenen Atems – oder ist es das Rauschen des Blutes, das ihn erschauern lässt, erahnend, dass seine tiefe Sehnsucht sich nicht erfüllen lässt in der Tage Einerlei; dass etwas Unnennbares ihn immer wieder drängt, diese Stille zu suchen, da nur sie ihm Antwort geben kann auf seine immer wiederkehrenden Fragen:
Wer bin ich? - Woher komme ich? - Wohin gehe ich?
Keine klare Antwort freilich fällt ihm in den Schoß, doch Stück für Stück, Mosaiksteinchen gleich, erlangt er Erkenntnis – durchschauert ihn wie ein Blitz ein Lichtstrahl, der seinen weiteren Gedanken den Weg weisen will.
Aufseufzend, gedankenvoll-gedankenverloren, gelehnt an einen Baumstamm, sendet er sein Dankgebet gen Himmel, in dem bestimmten Wissen, dass das Echo in seinem Herzen einen frohen Klang erzeugt, der ihn mutig den nächsten Schritt wagen lässt – den Schritt seinem Gott entgegen, der ihn liebevoll umfängt.

 

Wenn das Wesentliche nun die Achtsamkeit, die Andacht, die Sammlung ist, wozu sollte ich dann noch beten? ... Ganz einfach: weil es ein Herzensbedürfnis ist. Im Beten erfülle ich mir ein ganz tiefes Bedürfnis, meine Freude, meine Dankbarkeit zu äußern.

Wenn ich morgens aufwache und das nicht als selbstverständlich ansehe, sondern darüber staunen kann, so empfinde ich auch gleichzeitig Dankbarkeit. Diese Dankbarkeit möchte ich ausdrücken, sei es mit Worten, in einer Geste, einem Lied - oder in einem spontanen Gebet. Indem ich meinen Dank ausdrücke, wird er mir bewusst, und je bewusster ich mir meiner Dankbarkeit werde, umso größer wird mein Wunsch, sie auszudrücken. In diesem sich gegenseitigen Bedingen sehe ich einen genialen Wachstumsprozess, der sich spiralförmig in die Höhe schraubt und in eine immer tiefer empfundene Dankbarkeit führt. Diese befähigt mich dann zu noch intensiverem Beten. Also dehnt sich die Spirale entsprechend ihrer eigenen inneren Dynamik immer weiter aus. Manchmal habe ich dann das Gefühl, meine körperliche Hülle reicht nicht mehr aus, dieses Strömen von Dankbarkeit zu beherbergen. Dann hole ich ganz tief Luft und breite meine Arme weit aus, um dem Glücksgefühl in meinem Herzen mehr Raum zu gewähren, um die ganze Welt zu umarmen. In diesen Momenten bin ich - wie früher - der natur ganz nahe, doch jetzt in einem anderen Bewusstsein. In diesen Momenten fühle ich das All-eins-Sein, weiß mich verbunden mit Allem und Allen, bin ich in einem beseligenden Gewahrsein - BIN! Kann es einen schöneren Widerhall für mein Beten geben?

 

An dieser Stelle möchte ich zwei Berichte einfügen, die auf eindrucksvolle Weise zeigen, wie großartig die Wirkung von innigen Gebeten sein kann.

 

Wenn wir beten, sind wir beschützt

Wie weitreichend der Schutz ist, wenn wir beten, habe ich kürzlich erfahren. Für eine Bekannte hatte ich eine Sanjeevini-Mischung eingeschwungen. Weil mir die Angelegenheit besonders wichtig war, zündete ich eine Kerze an, auf einem Glasleuchter mit einem Kranz aus wunderschönen Seidenrosen darauf. Diese Kerze lasse ich immer nur halb abbrennen, dann wechsle ich sie aus, damit die Seidenrosen nicht beschädigt werden können.

An diesem Tag nun stellte ich die Kerze zu der Fernübertragungskarte, nur für einen Moment. Ich ging kurz in die Küche, um noch einen Kaffee zu trinken, und dann war es auch schon Zeit, zur Arbeit zu gehen.

Abends kam ich nach Hause. Auf meinem kleinen „Altar“ sah ich die Übertragungskarte und auch die Kerze daneben – sie war erloschen, noch bevor sie die kritische Zone mit den Seidenblumen erreicht hatte. Im ersten Moment wurde mir ganz schlecht bei der Vorstellung, was alles hätte geschehen können. Die ganze Wohnung hätte abbrennen können. Und ich war auf der Arbeit und habe nicht eine Sekunde an die brennende Kerze gedacht, sonst wäre ich doch sofort nach Hause gefahren.

Aber dann erfüllte mich eine tiefe Dankbarkeit. Wer auch immer die Kerze rechtzeitig gelöscht hatte, er hatte mich auch ganz ohne Sorge arbeiten lassen, denn die Kerze war ja sicher versorgt. Danke! Danke! Danke!

Das war für mich eine Bestätigung dafür, dass ich immer auch selbst geschützt bin, wenn ich mit den Sanjeevinis arbeite, denn ich arbeite ja hingebungsvoll mit Gebeten für das Wohl Anderer. Und da scheint der „liebe Gott“ auch mal ein Auge zuzudrücken, wenn wir vergessen, eine Kerze zu löschen.                                                               ( Sieglinde F., Bremen)

 

Ein tief berührendes Erlebnis mit dem Gayatri-Mantra

Als ich in diesem Jahr (2005) im Januar in Puttaparthi, Südindien war, unternahmen wir eine 2-Tagestour nach Mysore. Am Morgen der Rückfahrt informierten uns die Taxifahrer, dass es einen politischen Mord gegeben hätte und nun vielerorts gestreikt würde. Zwischen Bangalore und Puttaparthi gäbe es auf Grund von Straßensperren kein Weiterkommen. In Puttaparthi hätte es Unruhen, Randalismus und Verwüstungen gegeben. Sie rieten uns, lieber einen Tag mit der Rückfahrt zu warten. Aber wir beschlossen, erst einmal loszufahren, wir würden ja sehen, wie weit wir kämen.

Bei der Rast zwischen Bangalore und Puttaparthi empfahl man uns wiederum, nicht weiterzufahren, da die Straße von Polizeibeamten gesperrt sei. Wir wollten jedoch zumindest bis zu der Straßensperre vorfahren. Wir erreichten nach etlicher Zeit die polizei-Sperre und durften warten. Aber wir waren bei den ersten, die nach etwa 3 Stunden starten konnten. Doch wir kamen nicht weit. An dem Abzweig nach Puttaparthi hatten Demonstranten eine Straßensperre aus Steinen und brennenden Autoreifen errichtet. – Das war’s, wovon wir gehört und was die Polizei bestätigt hatte. Also wieder warten! Viele Europäer waren da, die nun beratschlagten, was zu tun sei. Es kam der Vorschlag, man solle mit den Demonstranten reden. Jemand meinte, da helfe nur Frauen-power. Eine Gruppe sollte hingehen und den Demonstranten klarmachen, dass wir nach Puttaparthi müssten und dass wir mit alldem nichts zu tun hätten. Doch bei dem Gedanken war mir nicht wohl. Wenn wir uns mit mehreren nähern würden, könnte das leicht als Provokation aufgefasst werden. Andererseits spürte ich auch bei manchen Personen Angst, einige wollten sogar umkehren und irgendwo übernachten.

Um die Ruhe zu bewahren, Sicherheit zu vermitteln und ein besonnenes Verhalten zu ermöglichen, schlug ich vor, dass alle in die Autos gehen und das Gayatri (ein sehr starkes Mantra) singen sollten. Dieser Vorschlag wurde von mir und einigen anderen an die Wartenden weitergegeben. Als ich selbst zum Auto gehen wollte, empfand ich einen andern Impuls: Innerlich singend, die locker herabhängenden Hände segnend geöffnet, ging ich langsam auf die Sperre zu. Niemand hinderte mich. So ging ich weiter bis hinter die Sperre und bewegte mich durch die Menge der Demonstranten. Nichts geschah. Dann setzte ich mich am Straßenrand auf einen Stein, immer noch das Sai-Gayatri rezitierend (Dazu habe ich einen besonderen Bezug). Dabei konnte ich beobachten, dass etliche der Demonstranten sich entfernten und an den Buden am Straßenrand Tee tranken. Nach etwa 25 Minuten traf ein Polizeijeep ein. Und was nun geschah, grenzte wirklich ans Wunderbare. Die Demonstranten räumten die Steine weg, traten die Flammen aus, schoben die Reifen zur Seite – und alles, ohne dass die Polizisten etwas sagen mussten. Sie brauchten uns nur das Zeichen zu geben, dass wir nun weiterfahren konnten.

Tief berührt saß ich anschließend im Auto, auch die Anderen waren schweigsam. Einen ganzen Tag hatte die Straßensperre gedauert, aber als viele Menschen das Mantra sangen, löste sich das Ganze innerhalb von 25 Minuten auf. Dieses hautnahe Erleben der Macht des Gebetes machte uns sprachlos, ehrfürchtig und ... dankbar. (HUM )

 

Schließen möchte ich mit drei Zitaten:

 

Im Gebet trinkt das Herz von der Quelle allen Sinnes.

So verstanden ist das Gebet das Herz der Religion.

(David Steindl-Rast)

 

Sobald ich entdecke, dass im Herzen meines Herzens

Gott mir näher ist als ich selbst es mir bin,

dann bin ich nach Hause gekommen.“

(David Steindl-Rast)

 

Werden wir nicht nachlassen in unserem Kundschaften

Und das Ende unseres Kundschaftens wird es sein,

am Ausgangspunkt anzukommen

und den Ort zum erstenmal zu erkennen.“

(T. S. Eliot)

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